Psychische Gesundheit in der Ausbildung: Warum gute Absichten nicht reichen
Der Auszubildende sitzt im Besprechungsraum und sagt: „Es ist gerade ein bisschen viel.“

Ein Satz, der in vielen Betrieben freundlich beantwortet wird. „Das wird schon.“ Oder: „Melde dich, wenn es wirklich nicht mehr geht.“
Genau da beginnt das Problem.
Denn wer erst auf das deutliche Signal wartet, wartet oft zu lange. Psychische Belastungen in der Ausbildung sind kein Randthema und kein Zusatzprojekt für besonders große Unternehmen. Sie entscheiden mit darüber, ob junge Menschen lernen, krank werden, sich zurückziehen – oder ihre Ausbildung abbrechen.
Die These dieses Beitrags ist deshalb schlicht: Betriebe brauchen keine Wellness-Rhetorik, sondern verlässliche Gesprächs- und Unterstützungswege.
Die Ausbildung ist nicht nur eine Lernstrecke
Der Ausbildungsmarkt steht ohnehin unter Druck. Nach den Ergebnissen der BIBB-Erhebung zum 30. September 2025 wurden rund 476.000 duale Ausbildungsverträge neu abgeschlossen – 10.300 weniger als im Vorjahr. Gleichzeitig waren 84.400 junge Menschen noch auf der Suche nach einer Ausbildungsstelle.[1]
Das ist zunächst eine Marktzahl. Aber hinter ihr stehen konkrete Übergänge: Menschen, die sich bewerben, anfangen, zweifeln und manchmal wieder aussteigen.
Die neue Studie von Bertelsmann Stiftung und Institut der deutschen Wirtschaft zeigt, warum der Blick auf Vertragszahlen nicht genügt. 19,8 Prozent der befragten Auszubildenden fühlen sich durch ihre Ausbildung häufig oder fast immer emotional belastet. 34,5 Prozent trauen sich nicht, psychische Belastungen oder Erkrankungen anzusprechen, weil sie negative Folgen oder Stigmatisierung befürchten. Unter den besonders belasteten Auszubildenden denken 73,6 Prozent über eine vorzeitige Vertragslösung nach.[2]
Das bedeutet nicht, dass jede Vertragslösung psychisch bedingt ist. Und die Studie beweist auch nicht, dass ein einzelnes Gespräch einen Abbruch verhindert. Sie zeigt aber sehr deutlich: Belastung kann zum Ausbildungsrisiko werden – und Schweigen macht dieses Risiko nicht kleiner.
Ausbildung findet außerdem nicht außerhalb des Lebens statt. Berufsschule, Arbeitsweg, Schichtplan, Geldsorgen, Konflikte, Krankheit, Familie und die Suche nach einem Platz in der Erwachsenenwelt treffen aufeinander. Wer Ausbildung nur als Abfolge von Lernzielen organisiert, sieht einen wichtigen Teil der Realität nicht.
Gute Absichten sind noch kein Unterstützungssystem
Viele Ausbildungsverantwortliche meinen es ernst. Sie wollen ansprechbar sein. Sie sagen, dass man über alles reden könne. Das ist wichtig, aber es reicht nicht.
Ein Unterstützungssystem beginnt nicht mit einem Poster im Pausenraum, sondern mit Klarheit:
- Wer ist die erste Ansprechperson, wenn die direkte Führungskraft Teil des Problems ist?
- Was passiert nach einem vertraulichen Hinweis?
- Welche Informationen bleiben im kleinen Kreis – und wo gibt es gesetzliche oder organisatorische Grenzen?
- Wann wird die Berufsschule einbezogen?
- Welche externen Beratungsangebote sind bekannt und erreichbar?
- Was kann der Betrieb selbst leisten, und wo endet seine Zuständigkeit?
Die Studie berichtet, dass 61,3 Prozent der ausbildungsaktiven Unternehmen mindestens ein Instrument zur Förderung der psychischen oder physischen Gesundheit anbieten. Gleichzeitig traut sich mehr als ein Drittel der jungen Menschen nicht, Belastungen anzusprechen.[2]
Das ist kein Widerspruch, den man mit noch einem Angebot löst. Es ist ein Hinweis auf eine Lücke zwischen Angebot und erlebbarer Sicherheit.
Ein Angebot, von dem niemand weiß, an wen er sich wenden kann, bleibt unsichtbar. Eine Ansprechperson, die nur im Organigramm existiert, schafft noch kein Vertrauen. Und ein Gespräch, das mit „Du musst dich einfach besser organisieren“ endet, kann den nächsten Hinweis verhindern.
Drei Entscheidungen, die Betriebe jetzt treffen können
1. Früh sprechen, ohne eine Diagnose zu verlangen
Ausbildungsverantwortliche müssen keine Therapeutinnen und Therapeuten sein. Sie brauchen aber die Fähigkeit, Veränderungen wahrzunehmen und anzusprechen: häufige Fehlzeiten, Rückzug, ungewohnte Fehler, starke Gereiztheit, Schlafmangel, Überforderung oder ein deutlicher Leistungsabfall.
Der Einstieg sollte beobachtbar und offen sein: „Mir fällt auf, dass du in letzter Zeit oft sehr erschöpft wirkst. Wie geht es dir mit der Ausbildung?“
Nicht: „Du hast offenbar ein psychisches Problem.“
Das Gespräch dient nicht der Diagnose. Es dient der Orientierung. Was belastet? Was braucht es kurzfristig? Gibt es eine akute Gefahr? Wer kann fachlich weiterhelfen?
Ein solcher Check-in sollte kein Verhör sein und nicht erst stattfinden, wenn eine Abmahnung vorbereitet wird. Er gehört in die normale Ausbildungsbegleitung – etwa nach den ersten Wochen, bei Wechseln in neue Abteilungen und nach längeren Fehlzeiten.
2. Vertraulichkeit konkret machen
„Du kannst jederzeit zu mir kommen“ klingt gut, lässt aber viele Fragen offen. Junge Menschen wissen oft nicht, was mit ihren Informationen geschieht. Genau diese Unsicherheit kann dazu führen, dass sie gar nichts sagen.
Deshalb sollte jeder Betrieb seinen Weg in wenigen Sätzen erklären können:
Was bleibt vertraulich? Wann muss eine weitere Person beteiligt werden? Welche Alternative gibt es, wenn die direkte Ausbilderin oder der direkte Ausbilder nicht die richtige Person ist? Wo finden Auszubildende externe Hilfe, ohne zuerst ihre ganze Geschichte im Betrieb erzählen zu müssen?
Diese Antworten müssen nicht in einem dicken Handbuch stehen. Sie müssen im Alltag auffindbar sein – im Onboarding, im Ausbildungsplan und im Gespräch.
3. Unterstützung als Prozess organisieren
Der häufigste Fehler ist, Verantwortung an eine einzelne engagierte Person zu delegieren. Fällt sie aus, fällt das System aus.
Besser ist ein kleiner, klarer Prozess:
- Eine Belastung wird wahrgenommen oder angesprochen.
- Es gibt ein ruhiges Erstgespräch mit einer benannten Ansprechperson.
- Gemeinsam wird entschieden, was kurzfristig verändert werden kann.
- Falls nötig, wird an externe Fachstellen verwiesen.
- Ein Folgetermin prüft, ob die Vereinbarung funktioniert.
Das ist keine Therapie im Betrieb. Es ist gute Ausbildungsorganisation.
Dabei darf der Betrieb auch über Arbeit sprechen: realistische Aufgabenmengen, verlässliche Dienstpläne, Pausen, erreichbare Lernziele, Konflikte im Team und die Frage, ob jemand ständig zwischen widersprüchlichen Erwartungen gerät. Psychische Gesundheit ist nicht nur eine private Eigenschaft der Auszubildenden. Sie wird auch durch Arbeitsbedingungen beeinflusst.

Was das für Recruiting und Onboarding bedeutet
Wer im Recruiting mit „Wir kümmern uns“ wirbt, sollte zeigen können, wie dieses Kümmern aussieht.
Nicht als Hochglanzversprechen. Sondern als konkrete Information: Wer begleitet die Ausbildung? Wie werden Konflikte angesprochen? Gibt es feste Feedbackpunkte? An wen kann man sich wenden, wenn die direkte Führungskraft nicht passt? Welche Unterstützung ist tatsächlich vorhanden?
Das ist auch ein Onboarding-Thema. Die ersten Wochen entscheiden nicht allein über fachliche Orientierung. Sie entscheiden darüber, ob jemand den Betrieb als Ort erlebt, an dem Fragen erlaubt sind.
Ein guter Einstieg kann deshalb drei Dinge enthalten: eine persönliche Vorstellung der Ausbildungsbegleitung, einen klaren Hinweis auf alternative Ansprechpersonen und einen fest vereinbarten Termin nach den ersten Wochen. Nicht, weil jeder Auszubildende ein Problem haben wird. Sondern weil niemand erst ein Problem beweisen sollte, bevor ein Gespräch möglich ist.
Die Bertelsmann-Stiftung berichtet zugleich, dass die Ausbildung bei jungen Menschen grundsätzlich ein hohes Ansehen genießt und neun von zehn befragten Auszubildenden sich wieder für ihre Ausbildung entscheiden würden.[3] Das ist die gute Nachricht. Die andere lautet: Zufriedenheit und Belastung können gleichzeitig existieren. Ein junger Mensch kann seinen Beruf mögen und trotzdem überlegen, ob er die Ausbildung unter den aktuellen Bedingungen durchhält.
Genau deshalb sollten Betriebe nicht erst auf den Abbruch schauen. Sie sollten die Strecke dorthin besser begleiten.
Der Montagmorgen-Test
Ein Unterstützungssystem muss sich an einem ganz einfachen Montagmorgen bewähren.
Ein Auszubildender kommt zu spät. Er wirkt erschöpft. Die Ausbilderin hat zehn Minuten zwischen zwei Terminen. Weiß sie, was sie tun kann? Gibt es eine Ansprechperson, die übernimmt? Ist klar, wie ein Folgetermin vereinbart wird? Oder bleibt nur der Satz: „Wir müssen jetzt erstmal arbeiten“?
Betriebe können diese Situation in einer kurzen Teamsitzung durchspielen. Nicht als Rollenspiel mit künstlicher Betroffenheit, sondern als Prozessprüfung. Drei Fragen reichen:
- Woran merken wir, dass jemand Unterstützung braucht?
- Was ist unser erster konkreter Schritt?
- Wo endet unsere eigene Kompetenz und beginnt externe Hilfe?
Wenn die Antworten vom Zufall, von der Tagesform oder vom Mut einzelner Auszubildender abhängen, ist das System noch nicht robust.
Psychische Gesundheit in der Ausbildung ist kein weiches Extra. Sie gehört in die Qualität der Ausbildungsarbeit – genauso wie Fachinhalte, Feedback und Prüfungsvorbereitung. Nicht, weil Betriebe alle Probleme lösen können. Sondern weil sie entscheiden, ob Probleme früh sichtbar werden, ob Menschen ohne Angst sprechen können und ob Unterstützung einen verlässlichen Weg hat.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Bieten wir etwas an?“
Sondern: „Würde ein belasteter Auszubildender heute wissen, was er als Nächstes tun kann?“
Dieser Beitrag wurde mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt und von mir redaktionell geprüft. Trotz sorgfältiger Bearbeitung können Fehler nicht ausgeschlossen werden. Maßgeblich sind im Einzelfall die aktuellen Originalquellen und eine fachkundige Prüfung.
Sources
[1] https://www.bibb.de/de/pressemitteilung_221716.php — BIBB Datenreport 2026: Ausbildungsmarkt schwächer, KI im Fokus[2] https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/Ausbildung_MentaleGesundheit_2026.pdf — Mentale Gesundheit in der Ausbildung: psychische Belastungen und Unterstützungsangebote
[3] https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/ausbildungsperspektiven-2026 — Ausbildungsperspektiven 2026